Echt lebendig, echt ursprünglich, echt traditionell
Von jungen Wilden und alten Wurzeln – Brauchtum und Kultur erleben in Oberbayern
Bräuche und Traditionen bilden die Wurzeln einer Region, sie machen sie zu dem, was sie ist, schaffen Identifikation und Verbundenheit. In Oberbayern werden sie deshalb besonders gepflegt. Ehrlich und echt, weil sie zur Kultur gehören. Man lebt, was Vorfahren überliefert haben, gibt weiter, was von Generation zu Generation vermittelt wurde. Dazu gehören altes Handwerk und Kunst ebenso wie besondere Feierlichkeiten. Das Beste: Ein jeder kann daran teilhaben und damit die Regionen von den Alpen bis zur Donau, vom Lech bis zur Salzach in ihrer ganzen Vielfalt, Authentizität und Offenheit kennenlernen. In unzähligen Veranstaltungen, in einzigartigen Handwerksbetrieben und mutigem Unternehmertum zeigen Ortschaften, Landkreise und ihre Menschen das echte ursprüngliche Oberbayern – und dass Traditionen nicht Rückständigkeit bedeuten, sondern mit einer Kultur der Weltoffenheit eng verbunden sind.
Traditionen sind nicht starr, sie sind lebendig, sie werden weitergegeben und weiterentwickelt, individuell und innovativ. Das zeigt sich in Oberbayern unter anderem in traditioneller Handwerkskunst, die oft Generationen überdauert und sich dabei immer wieder neu erfindet. So lässt sich zum Beispiel im Werdenfelser Land die uralte Kunst der Lüftlmalerei bewundern. Aufwändige und detailverliebte Motive – meist mit religiösem oder volkstümlichem Hintergrund – zieren die Fassaden zahlreicher Häuser und verleihen Ortschaften wie Mittenwald oder Oberammergau ihren besonderen Charme. Einige der Werke gehen zurück bis ins 18. Jahrhundert – ein Stück Geschichte, dessen Erhalt beinahe ebenso aufwändig ist wie die Malerei selbst. Die wenigen, die diese Form der Kunst heute noch beherrschen, restaurieren die historischen Gemälde, um sie für künftige Generationen zu bewahren oder schmücken die Fassaden mit neuen bunten Szenerien aus der Gegenwart.
Vom künstlerischen zum kulinarischen Handwerk: Kaum eine deutsche Stadt hat eine so lange Brottradition wie München. Viele ansässige Bäckereien wurden im 19. und frühen 20. Jahrhundert gegründet, die Hofpfisterei sogar im Jahr 1331. Allerdings rollte Ende der Fünfzigerjahre eine immense Herausforderung auf das Handwerk zu: Massenware, Tiefkühlprodukte und Schnellbackshops ließen den Bäckereibestand in Deutschland bis heute von 50.000 auf nur mehr 11.000 Betriebe schrumpfen. Ein Umstand, dem einige Bäckerei-Urgesteine als auch so manche Nachwuchsbäcker:innen den Kampf angesagt haben: In München etwa besagte Hofpfistereimit ihrer vierstöckigen Backstube im Stadtteil Maxvorstadt, die ihre Brote täglich an 165 Filialen liefert. Oder die historische Hofbräuhaus-Kunstmühle mit angeschlossener Bäckerei. Hier wird Brot nach jahrhundertealten Rezepten zubereitet.
Und auch die nächste Generation versteht ihr Brothandwerk. Junge Nachwuchstalente wie Julius Brantner schließen an althergebrachte Traditionen an. Mit Erfolg, denn Brot von Julius Brantner auf der Speisekarte zu haben, gilt in vielen Szenelokalen der Stadt inzwischen als Qualitätsmerkmal.
Fester Bestandteil der oberbayerischen Kultur ist selbstverständlich auch die Tracht und das damit verbundene Handwerk. 1810 ließ König Ludwig I. anlässlich seiner Hochzeit mit Therese von Sachsen-Hildburghausen einen Umzug mit 16 Kinderpaaren aus den verschiedenen Ecken Bayerns veranstalten – allesamt gekleidet in festlichen Gewändern, angelehnt an die Alltagsmode der jeweiligen Region. Es sollte das Gemeinschaftsgefühl und die Identität des Königshauses stärken – mit Erfolg: Der Umzug sollte nicht nur den Ursprung des heutigen Oktoberfestes markieren, sondern ebnete auch den Weg für die Tracht, wie wir sie heute kennen. Über die Jahre hinweg wandelte sich die Tracht von der Arbeitskleidung zu einem modischen Ausdruck von Heimatverbundenheit und bayerischem Lebensgefühl.
So hat das Schneiderhandwerk noch immer Tradition, doch entwickelt es sich stetig weiter. Junge Modelabels setzen auf ursprüngliche Schnitte und Fertigungstechniken, experimentieren mit modernen Stoffen und Farben – mal klassisch schlicht, mal auffällig bunt – und lassen die Tracht so mit der Zeit gehen. Spannende Einblicke in die Geschichte der Tracht liefert das Zentrum für Trachtengewand des Bezirks Oberbayern. Das weltweit einzigartige Zentrum für die Erforschung, Sammlung und Veröffentlichung historischer oberbayerischer Kleidungskultur befindet sich auf dem Gelände des Klosters Benediktbeuern. Es beherbergt rund 20.000 Original-Kleidungsstücke und Accessoires aus drei Jahrhunderten, ca. 40.000 Fotografien und vieles mehr.
Wo Lederhosen und Dirndl zum Einsatz kommen, ist meist auch das ein oder andere Bier im Spiel. Die Bierkultur und das damit verbundene Brauereihandwerk prägen Oberbayern in besonderer Weise – mit einem Netz aus kleinen Erlebnisbrauereien, lauschigen Biergärten und traditionellen Wirtshäusern. Auch die älteste Brauerei der Welt, die Staatsbrauerei Weihenstephan, ist in Oberbayern zu finden. Im Jahr 1040 wurde sie als Klosterbrauerei der Benediktinermönche gegründet. Auf der anderen Seite wagen sich viele junge Brauereien an neue Geschmacks- und Biersorten und bereichern das Handwerk so um ungeahnte Genussmomente.
Anschaulich und spannend lassen sich die Wurzeln Oberbayerns auch in den zahlreichen Museen in der ganzen Region zurückverfolgen. Unter freiem Himmel und in ursprünglichen Bauernhäusern gewähren die Freilichtmuseen Markus Wasmeier, Donaumoos und Glentleiten Einblicke in das ländliche Leben von damals. Das Stadtmuseum Bad Tölz präsentiert auf drei Ausstellungsebenen einen Querschnitt der Geschichte des Tölzer Landes. Und wussten Sie schon, dass Dachau im 19. Jahrhundert als eine der größten Künstlerkolonien Europas galt? Die Dachauer Museenlandschaft verrät mehr über die Gegend, die einst so viele Künstler:innen zu ihren Werken inspirierte. Skurriler Humor vom Feinsten und so manche Lebensweisheit erwartet Besucher:innen im Karl Valentin Museum in München – Lacher garantiert!
Egal ob durch traditionelle Handwerkskunst oder durch den Besuch eines Museums – es gibt zahlreiche Möglichkeiten, um mit dem echten Oberbayern in Berührung zu kommen. Am besten aber funktioniert es, wenn man sich mitten hineinbegibt. Das ganze Jahr über finden sich einzigartige Anlässe, die den ursprünglichen Charakter der Region widerspiegeln. Oberbayern schreibt, wenn man so will, seinen eigenen Kalender der Traditionen. Jede Jahreszeit hält ihre Bräuche bereit, die man einmal erlebt haben sollte. Ein kleiner Einblick in einen besonderen Jahresverlauf:
Frühling
Bayerische Politiker:innen werden „dableckt“ – auf humorige, satirische, bisweilen recht bissige Art. In Predigten, Fastenreden und Singspielen bekommen sie um die Ohren gehauen, was sie in den vergangenen Monaten getan oder eben nicht getan haben. Damit beginnt für sie der Frühling. Denn dann ist Starkbierzeit auf dem Nockherberg. Dabei hat nicht nur diese Großveranstaltung in München Beachtung verdient. In vielen Dörfern feiert man mit dem eigens gebrauten Spezialbier – seine sieben Prozent Alkohol hat schon so mancher unterschätzt. Traditionell wird das hochprozentige Bier während der Fastenzeit ausgeschenkt. Schon etwa im 16. Jahrhundert haben sich bayerische Mönche des Paulaner-Ordens mit dem kalorienreichen Hopfengetränk über die Wochen des Verzichtens gerettet, in denen sie keine oder kaum Nahrung zu sich nehmen durften. Nur: Schlechtes Gewissen soll sie geplagt haben. Ob solch ein Genuss in der Fastenzeit wohl erlaubt ist? Der Papst sollte entscheiden. So ging das Bier auf die Reise vom Süden Münchens bis nach Rom. Es wurde durchgeschüttelt, schwitzte in der Hitze und fror in der Kälte. Vor allem wurde es sauer. Bis es den Papst erreichte, war das Starkbier aus Südbayern vollkommen verdorben. Solch ein Gebräu, stellte der Heilige Vater fest, eigne sich bestens als Buße für die Fastenzeit.
Nicht wegzudenken aus dem oberbayerischen Frühling sind auch die Bräuche und Feierlichkeiten rund um den 1. Mai. Kaum ein Dorf verzichtet auf seinen Maibaum und das dazugehörige Fest. Die Regeln zum Aufstellen des Baums unterscheiden sich dabei schon von Dorf zu Dorf: Mal sind die Bäume weiß-blau angemalt, mal nur entrindet, mal bleibt die Fichtenspitze bestehen, mal wird sie abgeschnitten, mal ziert der Baum vier Jahre den Dorfplatz, mal maximal ein Jahr, mal wird er erst am Tag vor dem Aufstellen aus dem Wald geholt, mal über Wochen gelagert und bewacht. Wohl überall gilt: Gelingt es Nachbargemeinden, den Baum zu stehlen, muss er meist mit Bier und Brotzeit ausgelöst werden. Etwas unklar hingegen sind die Ursprünge des Brauchtums. Schon in vorchristlicher Zeit sollen die Bäume als Zeichen des wiederkehrenden Frühlings und der Fruchtbarkeit gedient haben. Als heidnisches Symbol jedoch wurden die Feiern im Christentum verboten. Seit dem 16. Jahrhundert ist die heutige Form des Maibaums überliefert. Kontinuierlich hat sich der Brauch mit den geschmückten Bäumen etabliert, bayerische Gemeinden stellten ihn einst als Zeichen ihrer Selbstständigkeit, ihres Selbstbewusstseins und ihres Wohlstands auf. Erhalten geblieben ist nicht nur der Maibaum als Kulturgut, sondern mit ihm auch so manche Besonderheit. So findet beispielsweise in Antdorf alle drei Jahre der Mailauf statt. Am ersten Sonntag nach dem Aufstellen werden die jungen, ledigen Frauen des Ortes ganz offiziell von zuhause abgeholt und auf eine große Wiese geführt, wo am anderen Ende die jungen Antdorfer Burschen auf einer langen Bretterbank Platz nehmen – Schulter an Schulter, einheitlich in der regionalen Tracht gekleidet und den Frauen den Rücken zugewandt, sodass sie nicht voneinander zu unterscheiden sind. Nun gilt es, sich einen davon zu „erlaufen“. Partnersuche auf gut oberbayerisch. Die Spannung steigt, schnell noch die hohen Schuhe abgestreift, bis das Startsignal durch die Trompete ertönt, die Antdorferinnen zum Sprint ansetzen, über die Wiese laufen und sich auf einen der Burschen stürzen. Haben sich die Paare gefunden, wird gemeinsam bis in die Abendstunden gefeiert und getanzt, wobei die Damen für die Zeche ihres Auserwählten aufkommen. Ein Spektakel, das alle drei Jahre zahlreiche begeisterte Zuschauer:innen aus den benachbarten Regionen anlockt und in dieser Form in Bayern einzigartig ist.
Für Frühlingsgefühle sorgt auch die Dult-Saison in München, die im Mai ihren Anfang feiert. Insgesamt dreimal im Jahr lädt die Auer Dult jeweils neun Tage lang zum Bummeln, Einkaufen und Amüsieren auf dem Mariahilfplatz im Stadtteil Au ein. Auf der Maidult bieten etwa 170 Marktleute und Schausteller ihre Waren und Volksfest-Attraktionen an. Im Laufe des Jahres folgen die Jakobidult im Sommer sowie die Kirchweihdult im Herbst.
Zahlreiche Feierlichkeiten in Oberbayern gehen auf einen religiösen Ursprung zurück, so auch bei vielen Wallfahrten. Herausragend dabei die Birkensteiner Trachtenwallfahrt an Christi Himmelfahrt. Mehr als 40 Trachtengruppen kommen dafür jedes Jahr an den Fuß des Birkensteins in der Alpenregion Tegernsee Schliersee.
Ebenso besonders ist eine Wallfahrt zu Pferd, zum Beispiel der „Georgiritt“ in Traunstein. Alljährlich am Ostermontag ziehen festlich geschmückte Pferde und Kutschen, historische Gruppen und Musikkapellen in einem langen Festzug vom Stadtplatz hinauf zum Ettendorfer Kircherl. Mit diesem Ereignis verbunden ist der Schwerttanz, dessen historische Wurzeln bis ins Jahr 1530 zurückreichen. Der Tanz symbolisiert den Sieg des Frühlings über den Winter. Seit 2016 sind Georgiritt und Schwertertanz immaterielles UNESCO-Kulturerbe.
Sommer
Auch der oberbayerische Sommer beginnt mit einem christlichen Feiertag: Fronleichnam zehn Tage nach Pfingsten mit feierlichen Prozessionen durch zahlreiche Ortschaften. Unvergleichlich ist jene in Seehausen am Staffelsee. Denn die Prozession führt in festlich geschmückten Booten über den See auf die Insel Wörth mit ihrer Kapelle. Dort liegen die Ursprünge der örtlichen Pfarrei St. Michael. Im siebten Jahrhundert wurde hier eine Steinkirche errichtet, im achten Jahrhundert erhob sich daraus ein Kloster. Etwa 800 Jahre lang stand dort die Seehauser Pfarrkirche, welche die Gläubigen vom Festland aus über einen hölzernen Steg erreichten. Während Tourist:innen die Seeprozession als beeindruckendes Erlebnis bestaunen, ist sie für die Seehauser:innen ein Stück Identität und Zeichen des gelebten Glaubens.
À propos Staffelsee. Dort lässt sich ein weiterer althergebrachter Brauch erleben: das Fischerstechen. Dabei treten jährlich an Mariä Himmelfahrt zwei Mannschaften mit jeweils drei Männern auf einem Boot gegeneinander an. Wer Fischerkönig werden will, muss den Gegner mit einer stumpfen Lanze ins Wasser stoßen. Am Staffelsee wurde dieser Wettkampf erstmals Ende des 19. Jahrhunderts anlässlich einer Hochzeit ausgetragen. Noch weiter geht der Brauch am Starnberger See zurück. Nachgewiesen ist das Fischerstechen dort 1784, doch war es bereits Teil der berühmten Prunkfeste zwischen 1651 und 1679 unter Bayerns Kurfürst Ferdinand Maria.
In München fanden die Wettbewerbe schon 1536 auf der reißenden Isar statt. Heute wählt man die ruhigeren Gewässer.
Der frühe Vogel fängt den Wurm? Am dritten Sonntag im Juli auf jeden Fall. Denn dann ruft noch vor Sonnenaufgang, inmitten des Englischen Gartens, der traditionelle „Kocherlball“ zum Tanz. Bis zu 12.000 Menschen kommen jährlich in den frühen Morgenstunden im Biergarten am Chinesischen Turm zusammen, um mit Bier und Weißwürsten zu feiern und zu Polka, Walzer oder Zwiefachem das Tanzbein zu schwingen. Im 19. Jahrhundert trafen sich hier einfache Köchinnen, Laufburschen, Kindermädchen und Hausdiener vor der Arbeit zum Tanzen. 1989 wurde anlässlich des 200. Geburtstags des Englischen Gartens erstmals wieder ein Kocherlball veranstaltet. Bis heute findet er einmal jährlich statt, immer am dritten Sonntag im Juli von 6 bis 10 Uhr morgens.
Ein weiteres traditionelles Sommer-Highlight führt uns nach Altötting. Die Stadt blickt auf rund 1.200 Jahre Wallfahrtsgeschichte zurück und ist ohnehin ein lohnendes Ziel, vor allem am christlichen Feiertag Mariä Himmelfahrt am 15. August. Dieser wird dort besonders festlich begangen. Bewegend die Lichterprozession am Vorabend, außergewöhnlich der Brauch in den Festtagsgottesdiensten. Darin werden Kräutersträuße aus sieben verschiedenen Heilkräutern geweiht.
Ebenfalls am 15. August findet der Hopfazupfa-Jahrtag in Scheyern im Hopfenland Hallertau statt. Das wichtigste und größte Vereinsfest in der Region lädt dazu ein, wie in früheren Zeiten den Hopfen von Hand zu zupfen. Die tausenden Besucher:innen erwarten das eigens für diesen Anlass gebraute Hopfazupfa-Bier der Klosterbrauerei Scheyern und regionale Schmankerl. Für musikalische Untermalung sorgen wechselnde Volksmusikgruppen der Region, während die Vereine Können und Schnelligkeit beim Wett-Hopfenzupfen unter Beweis stellen.
Brauchtum in Oberbayern kommt nicht ohne Tracht aus, genauso wenig ohne Schuhplatteln, Goaßlschnalzen und Fingerhakln. Tracht und Tanz gehören wie das bayerische Kräftemessen zur DNA vieler Gemeinden, was sich beispielsweise an den Festwochen von Garmisch und Partenkirchen zeigt. Etwa, wenn die stärksten Männer den Alpenpokal im Steinheben unter sich austragen. Wenn sie sich gegenseitig beim Fingerhakln über den Tisch ziehen oder wenn Kinder-, Jugend- und Erwachsenengruppen Volkstanz und Schuhplattler präsentieren.
Beim Wort „Volksfest“ kommt den meisten wohl das Oktoberfest in den Sinn. Kaum verwunderlich, gilt es doch als das größte Volksfest der Welt. Jahr für Jahr lockt es mehrere Millionen Besucher:innen auf die Münchner Theresienwiese. Doch auch außerhalb der Wiesn-Zeit bieten die kleinen und großen oberbayerischen Volksfeste unzählige Gelegenheiten, um Riesenrad, gebrannte Mandeln und bayerisches Bier zu genießen – wesentlich überschaubarer als das Oktoberfest, dafür mit regionalen Besonderheiten, jahrhundertealten Traditionen und in familiärer Atmosphäre.
Zu den ältesten gehört zum Beispiel der Barthelmarkt in Manching im Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm, Ende August. Überlieferungen zufolge hat dieser seinen Ursprung bereits vor über 2000 Jahren. Was einst als Pferdemarkt begann, wird noch immer zelebriert. Während am Marktsamstag das traditionelle Pferderennen stattfindet, kommen am Montagmorgen Handelnde und Interessenten wie in alten Zeiten zusammen, um sich zu informieren, sich auszutauschen, Pferde zu verkaufen oder zu kaufen.
Mit dem letzten Augustwochenende laden schließlich zahlreiche Herbstfeste wie die in Rosenheim, Wasserburg oder Erding zum feuchtfröhlichen Treiben ein und stimmen mit Hendl, Fahrgeschäften und Wiesn-Hits auf das Oktoberfest ein.
Herbst
Geschmückt wird, wenn alle Tiere gesund von den Almen zurückkommen: Diese Regel gilt bei den Almabtrieben in den ersten Septemberwochen. Hirten bringen ihre Rinder, Ziegen und Schafe ins Tal, wo sie den Winter verbringen – begleitet von lautem Glockengeläut und zahlreichen Zuschauern – sei es im Tegernseer Tal, im Werdenfelser Land, in der Alpenwelt Karwendel oder in Berchtesgaden und Bad Reichenhall. In den Bergregionen Oberbayerns endet damit offiziell der Bergsommer, oft begleitet von Märkten, mancherorts von Bergschafprämierungen, sicher überall mit einem festlichen Tag und im besten Fall mit sehenswertem, oft aufwändigem Tierschmuck zum Beispiel die „Fuikln“, wie man im Berchtesgadener Land den handgemachten Kopfschmuck für die Kühe nennt, oder die „Latschenbosch'n“ – einem Stück geschmücktem Latschenkiefer für die Kälber.
Im Oktober wird vielerorts traditionell "Kirta" gefeiert. Das Kirchweihfest gilt als religiöse Feierlichkeit anlässlich der Kirchenweihe. Neben dem Kirchweih-Tanz darf auch die Kirtahutschn nicht fehlen – eine Schaukel aus langen Holzbrettern, die mit Ketten an den Scheunenbalken befestigt werden. Kulinarisch steht dieser Anlass vor allem im Zeichen des Schmalzgebäcks. Die Rede ist von sogenannten Kirtanudeln oder Auszognen. In der Region Freising und der Hallertau freut man sich wiederum auf Schuxen, ein längliches Schmalzgebäck, üblicherweise hergestellt aus Roggenmehl und Hefe.
Mit dem Brauch der Kirchenweihe ist auch das jährliche Kirtasingen in Unterammergau verbunden. Die Veranstaltung am Samstag vor dem Kirchweihsonntag soll an die zwei großen Dorfbrände im Jahr 1777 und 1836 erinnern, die einst einen Großteil des Ortskerns von Unterammergau zerstörten. Rund 30 Männer, gekleidet in der Tracht der Wetz-Steinmacher, laufen mit Fackeln durch Unterammergau, bleiben an 9 Stationen stehen und singen Lieder, welche die Zuhörer:innen zur Vorsicht mit dem Feuer ermahnen.
Herbstzeit ist Leonhardizeit in Oberbayern. Ritte und Umzüge werden Ende Oktober und Anfang November zu Ehren des Heiligen Leonhard, dem Schutzpatron für das Vieh, vor allem der Pferde, in zahlreichen Orten Oberbayerns veranstaltet. In einer feierlichen Prozession werden die festlich geschmückten Gespanne und Reiter gesegnet. Die wohl bekannteste, älteste und größte in Oberbayern findet in Bad Tölz statt. Als volkstümlicher religiöser Brauch lässt sich die Leonhardifahrt dort bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen. Jahr für Jahr ziehen Wagen samt Wallfahrer:innen in ihren Festtagstrachten auf den Kalvarienberg – immer am 6. November (jedoch nie am Wochenende), einem Feiertag in Bad Tölz. 2016 wurde die Tölzer Leonhardifahrt als immaterielles Kulturerbe Bayern anerkannt.
Abgesehen von Bad Tölz wird die Leonhardifahrt zu dieser Zeit auch in vielen anderen Regionen Oberbayerns zelebriert, zum Beispiel in Kreuth, Murnau oder Fürstenfeldbruck. Der einzige Leonhardiritt im Landkreis Dachau findet im Ortsteil Pasenbach der Gemeinde Vierkirchen statt – und das seit mehr als 25 Jahren. Doch reicht die Tradition des Leonhardiritts Pasenbach noch sehr viel weiter zurück. Der früheste Beleg stammt aus dem Jahre 1673. Die Vereinigung für Kultur und Brauchtum erweckte den Brauch 1994 wieder zum Leben. Seitdem hat sich der festliche Umzug als Anziehungspunkt für alle etabliert, die Pferde und Traditionen lieben.
Winter
Als dunkle Jahreszeit mag der Winter gelten. Nicht unbedingt in Bayern. Unzählige Bräuche dienen dazu, die Dunkelheit zu vertreiben und machen diese Zeit besonders stimmungsvoll – so auch der Brauch des Fürstenfeldbrucker Luzienhäuserlschwimmens. Jedes Jahr am 13. Dezember, dem Tag der Heiligen Lucia, setzen Kinder im Anschluss an einen Gottesdienst selbstgebastelte Häuschen mit Kerzen in die Amper und lassen diese auf dem Fluss treiben. Im 18. Jahrhundert hatte man versprochen, jedes Jahr der Heiligen Lucia zu gedenken, nachdem die Bürger:innen ein Hochwasser überlebt hatten und ihre Häuser nicht zerstört worden waren. Der Brauch geriet in Vergessenheit, doch lebte er nach 1949 wieder auf.
Weniger besinnlich, dafür ebenso beeindruckend wie respekteinflößend geht es in den Bergregionen rund um Berchtesgaden am Nikolaustag zu. Beim Buttnmandl Laufen begleiten in Stroh und Fell gehüllte Buttnmandl und Kramperl den Heiligen Nikolaus von Haus zu Haus. Durch das Buttn – Scheppern oder Rütteln – großer Glocken, sollte ursprünglich die winterliche Natur bereits zu diesem frühen Zeitpunkt wieder erweckt werden. Die Buttnmandl und Ganggerl sind in langes, ausgedroschenes Stroh eingebunden. Fellmasken und große, um die Taille gebundene Glocken vollenden das furchteinflößende Aussehen.
Während das traditionelle Buttnmandllaufen ein Einkehrbrauch ist, der zum großen Teil unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet, nimmt der Buttnmandllauf der Gebirgsjäger der Bundeswehr eine Sonderstellung ein. Seit 1962 zieht der Heilige St. Nikolaus mit seinen Buttnmandln, Kramperln, dem Knecht Ruprecht und vielen Engerln am 5. Dezember von der Gebirgsjäger Kaserne in Strub/Bischofswiesen nach Berchtesgaden und erfreut zahlreiche Schaulustige.
Still und mächtig liegen die schneebedeckten Gipfel der Berchtesgadener Alpen da. Plötzlich durchdringen dumpfe Schüsse den gesamten Talkessel: Mit dem Weihnachts- und Christkindlschießen wird in Berchtesgaden ab 17. Dezember die Weihnachtszeit „eingeschossen“ und der kalte Winter vertrieben – und das bereits seit dem 19. Jahrhundert.
Deutlich älter ist der Brauch des Aperschnalzen im Bayerischen Voralpenland. Hinweise darauf gehen bis 1730 zurück, über den tatsächlichen Ursprung lässt sich jedoch streiten: Der gängigsten Version zufolge sollte der Lärm der Peitschen den Winter austreiben und mit ihm die bösen Mächte der Finsternis. Manche glauben, dass Peitschenknallen diente dazu, Saat und Pflanzen unter der Schneedecke zu neuem Leben zu erwecken. Eine dritte Deutung besagt, man verständigte sich damit in der Pestzeit. Welche Variante auch der Wahrheit entsprechen mag, sicher ist: Sobald die vier Meter langen Peitschen schnalzen und die Stille zerschneiden, hält man inne und genießt die einzigartige Atmosphäre. Besonders gelebt wird dieser Brauch des Aperschnalzens im Rupertiwinkel. Vom 26. Dezember bis zum Ende der Faschingszeit ertönen dort die „Goaßl“. Auch als Wettbewerb: Seit 1954 treffen sich einmal im Jahr vor dem Faschingssonntag alle Jugend- und Altersgruppen zum Rupertigau-Preisschnalzen.
Spektakulär wird‘s gleich zu Beginn eines jeden neuen Jahres: beim Hornschlittenrennen in Garmisch-Partenkirchen am Dreikönigstag. 1970 ist es entstanden, buchstäblich aus einer Schnaps- beziehungsweise Bieridee heraus. Mindestens eines der beiden Getränke dürfte reichlich geflossen sein, als die jungen Burschen Ende Dezember 1969 am Stammtisch debattieren, wer wohl am besten so einen alten Holzschlitten fahren könne. An diesem Abend werden sie sich nicht mehr einig, ein Praxistest muss den Beweis liefern: ein Wettkampf mit vier Mann auf dem Hornschlitten der Großväter, der eigentlich nur für den Holz- und Heutransport konstruiert wurde. Start am Dreikönigstag, 20 Uhr, weil es da schon finster ist. Nur ein Jahr später wird das erste Rennen offiziell ausgetragen. Mittlerweile kommen Tausende, um zu sehen, wie die Mannschaften auf ihren Hornschlitten nach Werdenfelser Bauweise springen und mit bis zu 100 Kilometern pro Stunde die etwa einen Kilometer lange Strecke ins Tal rasen.
Zur Faschingszeit wird in vielen Gemeinden Oberbayerns der Winter ausgetrieben, so zum Beispiel auch in Mittenwald: Am Unsinnigen Donnerstag, mit dem Mittagsschlag der Pfarrkirche, springen die zwölf sogenannten Schellenrührer auf die Straße. Angeführt vom Vorläufer, der das Frühjahr symbolisiert, ist es ihre Aufgabe, mit großen Kuhglocken die Frühlingsgeister zu wecken – körperliche Schwerstarbeit, welche die Mittenwalder zum Erhalt der Tradition gerne in Kauf nehmen.
Doch sind sie nur eine von vielen Maschkera-Gruppen, die sich an diesem Tag um das Ende des Winters kümmern und mit lauter Musik ausgelassen durch die Gassen und Wirtshäuser ziehen. Sehenswert sind allein die aufwändig geschnitzten Larven – filigrane Masken, die sich meist seit Generationen im Familienbesitz befinden. Die Larven werden für den jeweiligen Träger nach Maß angefertigt, geschnitzt aus duftendem und leichtem Zirbenholz. Bärte, Hakennasen, hochstehende Wangen, ausgeprägte Augenbrauen, alles wird hinein geschnitzt, gehobelt, gefeilt oder aufgemalt. Das bunte Faschingstreiben in Mittenwald beginnt bereits Mitte Januar, der Hochtag der Maschkera ist und bleibt aber der Unsinnige Donnerstag.
Das gilt auch für Dorfen im Landkreis Erding. Dort findet der sogenannte Hemadlenzenumzug statt – ein Ereignis, dem die Dorfener Einwohner:innen sowie zahlreiche begeisterte Zuschauer:innen aus der ganzen Region entgegenfiebern: Männer und Frauen marschieren in ihren weißen Nachthemden und Unterhosen durch den Ort. Um 12 Uhr wird es ernst für den Stoff-Hemadlenz, der den Winter symbolisiert: Er wird am Galgen verbrannt, während die Lenzen mit Narrenhymne und Walzertanz den Frühling feiern.
Eine weitere uralte Tradition zur Faschingszeit begeistert alle sieben Jahre vom Dreikönigstag bis zum Fachingsdienstag in Murnau: der Schäfflertanz – der Zunfttanz der Fassmacher – der einzige mittelalterliche Zunfttanz, der bis heute aufgeführt wird. In Murnau hat er seine überlieferten Wurzeln im Jahre 1859 und folgt seit jeher einem festen Ablauf. Nach der Begrüßung, dem Honeur, folgen verschiedene Figuren, die jeweils eine symbolische oder religiöse Bedeutung haben. Die Tänzer – allesamt in einheitlicher Kluft gekleidet – halten dabei mit Buchs verzierte Bögen in den Händen. Nach der Laudatio des sogenannten Reifenschwingers, erklimmt der Fasskasperl das Podest und gibt Verse und lustige auf den Gastgeber bezogene Anekdoten zum Besten.
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Von den imposanten Alpen im Süden bis hin zur tiefblauen Donau im Norden, von malerischen Orten, weltberühmten Schlössern und der bayerischen Bierkultur bis hin zu aufstrebenden Wirtschaftsstandorten und der Weltstadt München: Mit seiner Vielfalt zählt Oberbayern zu den bedeutendsten Urlaubsdestinationen Europas. Der Tourismus Oberbayern München e.V. mit Sitz in München ist die touristische Dachorganisation für Oberbayern und vertritt die Interessen seiner rund 70 Mitglieder – mit der gemeinsamen Mission: die Wertschöpfung, ebenso wie die Wertschätzung gegenüber der Tourismusregion Oberbayern nachhaltig zu stärken. www.oberbayern.de
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